TÜBINGEN. Der Wandel von Abstinenz zur Reduktion in der Therapie steht im Fokus der Suchttherapietage. Diese werden vom 25. bis 27. März von der Uniklinik Tübingen zum zwanzigsten Mal veranstaltet. »Während beim Alkohol nicht jedes Glas schlecht ist, ist jede Zigarette sofort schädlich«, erklärte Anil Batra, Ärztlicher Leiter der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet gleichzeitig die Abteilung Suchtmedizin und Suchtforschung. In Tübingen diskutieren dieser Tage über 300 Fachleute aus Praxis und Wissenschaft unter dem Motto »Suchttherapie im Wandel der letzten zwei Jahrzehnte«. Neben Vertretern aus Medizin sind auch Pharmakologen, Psychologen, Sozialarbeiter und im Bereich der Justiz tätige Personen dabei.
Am Mittwochvormittag wurden neuste Erkenntnisse aus der Neurobiologie diskutiert. Andreas Heinz von der Berliner Charité führte aus, dass genetische Faktoren die Suchtentstehung fördern. Damit gemeint ist weniger ein »Sucht-Gen«, vielmehr Eigenschaften wie Neugier und Belastbarkeit. Sie führen zum Ausprobieren und oft zum »Hängenbleiben« auf den Suchtmitteln. An Tiermodellen wurde erforscht, dass das soziale Umfeld und die Werbung weniger relevant sind, als bisher angenommen. Es scheint bei Süchtigen eine Art Belohnungszentrum im Gehirn zu geben, das den Drogenkonsum unvermeidbar macht. Batra erklärte, bei einem Aschenbecher oder einer auf einem Verbotsschild abgebildeten Zigarette denke beispielsweise ein Raucher sofort daran, sich eine anzuzünden. 

Die Moral beiseite lassen

Neben der Frage, warum jemand abhängig wird, geht es heute in der Entwöhnung auch darum, die Moral beiseitezulassen und eine Therapie zu entstigmatisieren. Neben dem Schamgefühl, sich selbst und anderen eine Sucht einzugestehen, hielt bisher viele Abhängige auch die Vorstellung von einer lebenslangen Abstinenz von einer Therapie ab. Seit Januar diesen Jahres gibt es neue Behandlungsleitlinien für die Suchtentwöhnung. Primäres Ziel ist weiterhin die Abstinenz von der jeweiligen Droge. Jedoch wird in der Therapie nun verstärkt zur Reduktion geraten. 
Das bedeutet, sowohl Raucher als auch Trinker können weitermachen – nur eben auf geringerem Niveau und mit einem Placebo. Die so ablaufende langsamere Entwöhnung hat sich in der Praxis bereits bewährt. Und dadurch wird die Schwelle niedriger, etwas gegen die Sucht zu unternehmen. »Die Leitlinie wurde von den Ärzten zuerst akzeptiert, später aber von einer Soll- zu einer Kann-Empfehlung heruntergestuft«, erklärte Klaus Mann von der Uni Mainz. »Es ist viel einfacher, eine schrittweise Reduktion zu vermitteln, als eine komplette Abstinenz. Die Rückfallquote ist bei beiden Behandlungswegen gleich hoch.« Mann verwies auf Studien, wonach die Gesellschaft Geld spart, wenn in Behandlung von Alkoholabhängigen investiert wird. In Krankenhäusern sind alkoholbezogene Störungen bei Männern der häufigste Grund für die Einweisung, was hohe Kosten verursacht. Die Therapie ist da vergleichsweise billig. Derzeit begeben sich nur 10 bis 15 Prozent der Alkoholkranken in Therapie. 
Ähnlich sieht es bei Rauchern aus: Deren Behandlungen, führte Batra aus, seien im Schnitt 1,5 bis 1,7 Mal teurer als bei Nichtrauchern. Die Kosten stätionärer Behandlungen, damit einhergehende Produktions- und Arbeitsausfälle eingerechnet, betrügen in Deutschland 21 Milliarden Euro. »Da gibt es eine kleine Deckungslücke zu den Einnahmen aus der Tabaksteuer in Höhe von 14,3 Milliarden Euro«, frotzelte Batra. Er kann nicht verstehen, weshalb Krankenkassen Beratungen und Entwöhnung von Tabak bislang nicht bezahlen. 
Die Experten diskutieren in Tübingen auch über Glücksspiel- und Computerspielsucht. Beim Glücksspiel sei Abstinenz weiterhin angezeigt. Gesetzliche Regulierungen helfen: In Frankreich, wo private Casinos und einarmige Banditen verboten sind, gebe es nur halb so viele pathologische Spieler wie hierzulande. 
Insgesamt geht die Tendenz in der Suchttherapie zum »liberaleren Umgang«, wie Mann erklärte. Reduktion sei realistischer und damit besser, als stets totale Abstinenz zu fordern. Letztlich gelinge es damit, mehr Leute ins System der Entwöhnung zu holen und so insgesamt größere Erfolge zu erzielen. (GEA)