TÜBINGEN/REUTLINGEN. Kristallines Methamphetamin, bekannt als Droge Crystal Meth, findet sich vereinzelt in der Region Tübingen/Reutlingen, jedoch längst nicht in Ausmaßen wie in Sachsen, Thüringen oder Teilen von Bayern. Von einer Überschwemmung kann in Baden-Württemberg keine Rede sein. Probleme bereiten eher sogenannte Badesalze. Für die Drogenhilfe Tübingen/Reutlingen spielt Crystal Meth keine große Rolle.

Kristalle des Teufels: beschlagnahmtes Crystal Meth. FOTO: DPA.
Kristalle des Teufels: beschlagnahmtes Crystal Meth. FOTO: dpa
Einzelne Fälle traten jedoch auf, etwa eine Frau, die aus Ostdeutschland stammte und die Crystal-Abhängigkeit gewissermaßen mitbrachte. »Wir haben mehrere Konsumenten, die alles nehmen, was sie kriegen können. Da ist dann manchmal auch Crystal mit dabei«, sagte Hans Köpfle, Psychologe und Leiter der Sucht- und Drogenberatung Tübingen/Reutlingen. 

»Überschaubares Problem«

Von den etwa tausend Betreuungen im Jahr sind 300 bis 400 Opiat-Abhängige, 250 sind Substitutions-Patienten. Jugendliche kämen häufig wegen Abhängigkeit von Alkohol, Cannabis, Online-Spielen oder eben auch von illegalen Drogen. Reine Crystal-Süchtige seien eher selten. 
Auch die Polizei in Reutlingen hält Crystal Meth momentan für ein überschaubares Problem. Neben einem kleineren Verstoß wegen Besitzes von 0,05 Gramm konnte die Polizei im vergangenen Jahr zwei Dealer verhaften; in einem Fall wurde etwa ein Gramm kristallines Methamphetamin sichergestellt. Bei einer Goa-Party im Oktober erwischten die Beamten einen 19-Jährigen mit etwa fünf Gramm. »Das entspricht etwa 50 Konsumeinheiten«, erklärt Polizeisprecher Björn Reusch. 
Ähnlich sieht es auf Landesebene aus. Zwar steigen Fallzahlen und die sichergestellten Mengen seit 2009 tendenziell, insgesamt ist die Droge aber noch relativ selten. Zahlen sind für 2014 noch nicht veröffentlicht, jedoch ist ein sprunghafter Anstieg zu erwarten, sowohl bei den Fällen als auch bei den beschlagnahmten Mengen, bedingt allerdings durch einen großen Fall. All dies bewegt sich jedoch auf einem eher niedrigen Gesamtniveau. »Die Problematik sollte nicht verharmlost werden, auch wenn sie momentan in Sachsen, Thüringen und Teilen Bayerns weit gravierender ist«, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts. »Wir sind sensibel und beobachten die Szene genau.« 

Ständig unter Strom

»Wir haben in der Psychiatrie und Psychotherapie sehr wenige Crystal Meth-Fälle«, sagte Professor Anil Batra, Leiter der Abteilung Suchtmedizin und Suchtforschung der Uniklinik Tübingen. Insgesamt etwa fünf Fälle gab es in der Fachklinik Drogenhilfe in den vergangenen zwei Jahren. Bei 200 Aufnahmen pro Jahr ist das noch überschaubar. Zum Vergleich: In der bayerischen Klinik Schloss Eichelsdorf sind 60 bis 70 Prozent der Patienten wegen Crystal-Meth-Abhängigkeit in Therapie. 
»Ich bin erstaunt, dass die Droge noch nicht zu uns übergeschwappt ist. Eigentlich sind es ja nur ein paar Hundert Kilometer«, wunderte sich der Tübinger Klinikleiter Johannes Schönthal. Anfällig für Crystal Meth seien vor allem Jugendliche, die mit illegalen Drogen experimentieren und noch leicht verführbar sind. Seine Crystal-Meth-Patienten in Tübingen seien massiv auffällig in ihrem Verhalten gewesen und psychisch völlig durch den Wind. »Die standen ständig unter Strom, hatten eine innere Unruhe«, sagte Schönthal. Die angeblich typischen Verwahrlosungsanzeichen wie unreine Haut und ausfallende Zähne hat er aber nicht festgestellt. 
Beliebt bei jüngeren Konsumenten sind in der Region sogenannte »Legal Highs«. Diese Kräutermischungen mit psychoaktiven Substanzen werden inhaliert und führen zu einem psychotischen Abdriften. »Das ist ein großes Problem«, sagt Köpfle, »denn man weiß nicht, welche Wirkstoffe in den Mischungen enthalten sind.« Diese Entwicklung bereitet auch den LKA-Ermittlern der Abteilung Organisierte Kriminalität und Rauschgiftkriminalität derzeit Sorge. In Baden-Württemberg häuften sich in jüngerer Vergangenheit schwere, lebensgefährliche Intoxikationen; innerhalb von drei Monaten kam es 2014 sogar zu drei Todesfällen. (GEA)