Die Lidl-Zentrale ist ein repräsentativer, gläserner Neubau – nichts zu spüren von Discountermief. Adrette Empfangsdamen begrüßen die Besucher. Sie weisen mir den Weg in ein großes Besprechungszimmer. Ich staune nicht schlecht, als ich den Raum betrete: Etwa zehn Namensschilder von Bewerbern stehen auf dem Tisch und weisen ihnen die Plätze zu. Langsam dämmert mir, was mit «Gruppengespräch» gemeint sein könnte. An der Stirnseite sind drei Namensschilder von Lidl-Mitarbeitern aufgestellt. Ich setze mich an meinen Platz. Ganz vorne übrigens, dicht am Lidl-Management. Wenigstens gibt es Kaffee. 
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Immerhin ist der Einkaufsvorstand persönlich gekommen, flankiert von zwei Abteilungsleitern. Sie tragen Anzüge, aber ohne Krawatte. Nach der Bespitzelungsaffäre wurden sie bei Lidl abgeschafft. Mit «sie» sind die Krawatten gemeint, nicht deren Träger. Die Manager sollen jetzt Bodenständigkeit und Offenheit demonstrieren. Ich weiß von der «Dress-down»- Anweisung und habe mir demonstrativ eine knallrote Krawatte umgebunden. Der Vorstand ist Holländer, einer der Abteilungsleiter Schwabe, der andere sagt kein Wort. Er wird die ganze Veranstaltung über schweigen und mit ausdruckslosem Gesicht dasitzen. Der Holländer nennt die Namen der Lidl-Vertreter, die Namen der Bewerber interessieren niemanden. Zuerst wird ein fünf Jahre alter Imagefilm abgespielt, man wolle Kosten sparen und könne nicht ständig neue drehen, erklärt der Holländer. Vermutlich ändert sich ohnehin nichts, abgesehen davon, dass es jedes Jahr ein paar Filialen mehr gibt und die Umsätze jedes Jahr etwas höher sind. Ich lümmle gelangweilt auf dem teuren Besprechungssessel herum. Der Film läuft, und ich sinke immer tiefer ein. Schnell noch mal Kaffee nachschenken. Es wird Zeit für die erste subtile Provokation. Ich packe mein lilafarbenes Notizbuch aus und schreibe auffällig mit.
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Es ist Zeit für ein letztes Aufbäumen, Schluss mit Scheiß-Laptop-Fragen. Der schwäbische Abteilungsleiter erzählt gerade von seinem Haus mit kleinem Garten und von seinen Himbeeren und was man davon lernen könne, da unterbreche ich ihn: «Wo wir gerade bei Himbeeren sind: Aus Himbeeren wird ja auch Eis gemacht.» Irritierte Blicke treffen mich. Wahrscheinlich fragen sich die anderen Bewerber jetzt, was in meinem Kaffee ist. Aber ich muss punkten. Banalitäten sind gefragt. Schnell füge ich hinzu: «Ich kann mir gut vorstellen, dass Eis im Sommer mehr verkauft wird als im Winter und dass man das im Einkauf berücksichtigen muss.» «Genau, genau», überschlägt sich der Holländer fast. «So is dat. So müssen Sie als Einkäufer denken.» Nur zur Erinnerung: Es geht hier um eine Prokuristenstelle mit Verantwortung für Hunderte Millionen Einkaufsvolumen. Sein schwäbischer Jünger stimmt ein, lobt meinen Scharfsinn. Genau so müsse ein Einkäufer denken. Nicht im Internet recherchieren. Der gesunde Menschenverstand sei gefragt. Ich rutsche in meinem Ledersessel empor, richte den Oberkörper auf: Den Job habe ich quasi schon in der Tasche. Ich sehe mich bereits – ohne Krawatte, versteht sich – als den neuen Lieferantenschreck und lasse schon mal einen siegessicheren, arroganten Lidl-Managerblick über den restlichen Bewerbermob schweifen. Ob ich noch einen nachlege, nach dem Motto «im Winter würde ich mehr Glühwein bestellen als im Sommer»? Nein, die anderen sollen auch noch eine Chance haben.
Der Holländer fügt in meine Richtung an: «Wenn Sie mal Eis einkaufen sollten. Ich sage Ihnen: Eis is de letzte Hurenartikel.»
Die Bewerber horchen entgeistert auf. Wir trauen unseren Ohren nicht. Hat er das gerade wirklich gesagt? Er bemerkt unsere ungläubigen Blicke, wiederholt: «Eis is de letzte Hurenartikel. Wenn es warm ist, wollen alle, sonst keiner.»