"Ein menschenverachtendes System"

Andreas Straub war bis zum Jahr 2011 Manager bei Aldi, dann ging er. Er prangert den Umgang mit den Mitarbeitern an. Andreas Straub, 27, hat von 2007 bis 2011 als Nachwuchsmanager bei Aldi Süd gearbeitet. Nach nur dreieinhalb Jahren endete seine Karriere beim Discounter. Nun rechnet der Buchautor mit den Praktiken im Lebensmittel-Einzelhandel ab, er berichtet über Kontrollwahn und hohen Druck auf die Mitarbeiter bei Aldi.

SZ: 
Herr Straub, Hand aufs Herz, wie viele Mitarbeiter haben Sie in Ihrer Zeit bei Aldi entlassen?
Andreas Straub: Wir haben das intern immer "rausnehmen" genannt, das klingt irgendwie souveräner. Bei mir hielt sich das in Grenzen, aber ein paar waren es schon. Wer in diesem System als Manager länger überleben will, muss gelegentlich ein Tyrann sein. Das war ich auch. Ich habe etliche Abmahnungen geschrieben, für Aldi-Verhältnisse war ich trotzdem fast schon luschig. Es gab Kollegen, die waren mit einer Art Abreißblock für Abmahnungen unterwegs.
SZ: Gibt es denn bei Aldi Abmahnungen schon für Kleinigkeiten?
Straub: Das sowieso. Ziel vieler Aldi-Manager ist es, die Personalakten der Mitarbeiter mit Abmahnungen anzufüttern. Jeder Mitarbeiter hat dadurch eine Vorgeschichte. In sich jährlich wiederholenden Schulungen haben uns Aldi-Anwälte die Tricks beigebracht.
SZ: Wie provoziert Aldi die Abmahnungen genau?
Straub: Der Kreativität der Bereichsleiter sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt Mitarbeiter, die wurden abgemahnt, weil sie sich nicht rasiert haben, andere weil sie sich beim Verlassen der Filiale angeblich nicht beim Chef verabschiedet haben. Die sicherste Methode sind allerdings Testkäufe. Man lässt zum Beispiel eine stark geschminkte 17-Jährige eine Flasche Wodka kaufen. Der Kassierer muss laut Gesetz nach dem Ausweis fragen. Tut er es nicht, gibt es eine Abmahnung. Selbst wenn er danach fragt, gibt es noch Möglichkeiten ihn zu verwarnen.
SZ: Und wie?
Straub: Es kommt schon mal vor, dass die Testkäuferin dann anfängt, in ihrem Portemonnaie zu suchen und feststellt, dass sie ihren Ausweis angeblich im Auto liegen gelassen hat, zum Beweis wedelt sie mit dem Zündschlüssel. Sie bietet an, den Ausweis holen zu gehen. Die meisten Kassierer knicken ein, sie möchten nicht riskieren, dass die Schlange an der Kasse endlos wächst.
SZ: Weshalb sind Sie überhaupt zu Aldi gegangen?
Straub: Das Unternehmen hat mich fasziniert. Es ist sehr erfolgreich. Nach dem Studium hat mich auch das Gehalt angesprochen - immerhin 60 000 Euro und ein Dienstwagen mit Tankkarte. Vor allem wollte ich aber in ein Unternehmen, in dem ich schnell Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen kann.
SZ: Und hat sich das bestätigt?
Straub: Teils, teils. Ich hatte schon Verantwortung, allerdings in einem sehr engen Korsett.
SZ: Und wann haben Sie angefangen, zu zweifeln?
Straub: Die ersten Zweifel kamen früh. Ich habe sie aber immer wieder weggewischt, ja sogar ignoriert. Ich war lange Teil des Systems.
SZ: Sie waren Teil eines Systems, das Sie heute kritisieren. Nehmen Sie Rache?
Straub: Natürlich war ich wütend und traurig, nachdem ich entlassen wurde. Ich hatte einige Zeit damit zu tun, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Ich habe angefangen - zunächst nur für mich - aufzuschreiben, was ich bei Aldi erlebt habe. Sachlich, vielleicht mit einer Prise Humor. Beim Schreiben habe ich dann gemerkt, dass auch die Öffentlichkeit erfahren sollte, wie die wahren Arbeitsbedingungen bei Aldi sind.
SZ: Wie hat Aldi bisher reagiert?
Straub: Allen Kassierern wurde ein Schreiben verteilt, das sie notfalls besorgten Kunden zeigen können. Darin steht, dass Aldi höhere Löhne als die Konkurrenz zahlen würde und die Mitarbeiter außerordentlich zufrieden mit ihren Jobs seien. Ich bekomme aber täglich Dutzende Mails von ehemaligen und aktuellen Aldi-Mitarbeitern, die mir ihre Fälle beschreiben und meine These bestärken: Aldi ist ein menschenverachtendes System.
SZ: Bekommen Sie auch Reaktionen vom Management?
Straub: Eine ganze Menge. Die meisten Führungskräfte bestätigen meine Ausführungen.