Der Blogger Thorsten Dewi alias "Wortvogel" kritisiert die Berichterstattung im Spiegel über Aldi - Hauptthema die allgegenwärtige Paranoia - als "polemisch". Die beiden Spiegel Redakteure haben reagiert. Nachdem ich auf die Seite und vor allem die zynischen Kommentare aufmerksam wurde, ist es mir ein Anliegen, ebenfalls Stellung zu beziehen. Die Feedbacks, die meine Leser mir täglich mailen, bestätigen nämlich sowohl mein Buch als auch den Spiegel Artikel voll und ganz. In meinem Beitrag gebe ich daher gleichzeitig einige Feedbacks in anonymisierter Form wieder. 
Der Artikel von "Wortvogel" hier:
http://wortvogel.de/2012/06/spiegel-vs-aldi-eine-billige-polemik-nachtrag-sehr-geehrte-frau-amann-sehr-geehrter-herr-tietz/#comments

Meine Antwort ist im Gästebuch #135, hier nochmals für meine Leser:
 Andreas Straub
Erstellt am 23. Juni, 2012 um 20:57 Uhr
Lieber Torsten Dewi,
mein Name ist Andreas Straub. Ich war bei Aldi als Nachwuchsmanager beschäftigt. Richtig, die arme Sau mit 60.000 und – jetzt Schleichwerbung, jetzt! – Audi A4 (fährt sich sehr gut als Automatik, ich wollte ihn immer in weiß, habe aber nur schwarz bekommen: Sauerei!).
Vor kurzem ist mein Buch „Aldi – einfach billig“ im Rowohlt Verlag erschienen, in dem ich mich nicht primär über mein Gehalt und die Farbe meines Dienstwagens beschwere. Da Sie den Spiegel Artikel intensiv gelesen und analysiert haben, könnte Sie das Buch ebenfalls interessieren. Wenn Sie mich nicht ganz so schlimm in die Pfanne hauen, will ich großzügig sein: Sie kriegen ein kriegen ein kostenloses Rezensionsexemplar. Ansonsten 8,99 Euro (auch günstig!) in jedem Buchladen. Schon wieder Schleichwerbung. Alles.

Um zunächst Ihre Frage zu beantworten: über die Verschwiegenheitsklausel in meinem Arbeitsvertrag habe ich mich hinweggesetzt, da es hier darum geht, gravierende Missstände aufzudecken. Schikane und Mobbing sind kein Betriebsgeheimnis.
Ihre Kritik mag teilweise, auch in Bezug auf mich, berechtigt sein, aber definitiv ist sie, was Sie den Spiegel-Redakteuren vorwerfen: polemisch. Auf gefühlten 20 Seiten besprechen Sie die 10 Seiten im Heft nach dem Motto: „der kleine Blogger gegen das große Magazin“ und er gibt’s denen mal so richtig – was Sie für mich („der kleine Schriftsteller gegen den Großkonzern“) zunächst nicht unsympathisch macht. Überrascht? Weniger erstaunlich: ich halte die Spiegel Titelgeschichte insgesamt dennoch für gelungen.

Das Hauptthema des Artikels, die allgegenwärtige Paranoia, hat sich für mich gerade im Nachhinein bestätigt. Ich war zugegebenermaßen zunächst im Hinblick auf diese These ebenfalls skeptisch. Als jahrelanger Teil des Systems habe ich viele Kontrollen ebenfalls als notwendig und angemessen wahrgenommen. Doch die Intensität ist teilweise perfide. Die Auswirkungen und Folgen habe ich selbst nicht so deutlich gesehen. Die Spiegel-Redakteure haben das jedoch sofort erkannt und für meine Begriffe gut herausgearbeitet.
Wozu führt die Kontrollwut, die weit über das Maß in anderen Konzernen, auch Handelskonzernen, hinausgeht?
In den letzten Wochen erreichen mich viele Mails, ich telefoniere mit Mitarbeitern und Ehemaligen und ich treffe sie persönlich. Ich will einige zusätzliche Beispiele, die weder im Spiegel noch in meinem Buch stehen, nennen:
- In einer Filiale fehlen einer Verkäuferin angeblich 5 Euro im Geldbeutel. Die Verdächtige ist schnell gefunden: eine langjährige Mitarbeiterin. Um das und weitere Vergehen nun nachzuweisen, werden tagelang zwei Detektive auf sie angesetzt. Einer ist verdeckt im Laden, der andere an der Kameraanlage. Vergeblich.
- Ein Azubi war mal im Verdacht, falsch rausgegeben zu haben. Aldi hat die Kontrollen daraufhin intensiviert. Er bekommt ständig Tester und kassiert bald zitternd. Der Azubi hat seit seiner Tätigkeit bei seiner Aldi mehrere Allergien bekommen und sein Körper hält dem ständigen Druck nur kaum noch statt. Er hat regelmäßig Albträume, unter anderem, dass er zur Strafe in der Tiefkühlzelle eingesperrt wird.
- Ein Kollege von mir reagiert noch heute panisch auf, wenn er von weitem Nummernschilder bei Autos auf der Gegenfahrbahn sieht, die an die Kennzeichen der leitenden Mitarbeiter aus der Zentrale erinnern. Er schaut argwöhnisch in den Rückspiegel bei (Achtung nochmal Schleichwerbung) bei jedem Audi A6, den unsere Vorgesetzten immer fuhren (zu meiner Genugtuung untermotorisiert und ebenfalls nicht in weiß, sondern in schwarz).
- Ein Filialleiter schreckt noch heute panisch und mit Schweißausbrüchen auf (3 Jahre nach seinem Ausscheiden), wenn laut an der Türe geklopft wird. Das war eine Eigenart seines Verkaufsleiters, vor dem er unglaubliche Angst hatte.
- Bei einer Verkäuferin wird die Zeit genommen, wie lange sie auf der Toilette ist und der Inhalt des Mülleimers nach den Pausen kontrolliert. Man unterstellt ihr, sie sei magersüchtig und habe einen „Waschzwang“.
- Ein Mitarbeiter schwärzt einen Kollegen an, weil er einen Fehler von ihm bemerkt hat und das für einen Test hielt. Daraufhin wird der Kollege gefeuert. Viele Mitarbeiter sind sich nie sicher, ob es sich um eine Kontrolle oder um einen echten Fehler handelt.
- Einer rothaarigen Verkäuferin wird fast gekündigt, weil sie angeblich einen Geldbeutel bei einem entsprechenden Test unterschlagen hätte. Dabei hatte der eingesetzte Detektiv den Geldbeutel versehentlich einer anderen Rothaarigen übergeben.
- Ein Filialleiter ist heute noch (nach 4 Jahren) beim Psychiater, weil er ständig Albträume von seinem Kündigungsgespräch hat, bei dem ihm etwas untergeschoben wurde. Er fürchtet ständig, dass ihm das wieder passiert. Seinem neuen Arbeitgeber ist das extreme Missstrauen sofort aufgefallen.
- Eine Vertretungs-Filialleiterin war im Verdacht, mit Geldrückgaben zu betrügen. Nachweisen konnte man das nie. Gekündigt wurde ihr wegen zwei Äpfeln. Uns sowas spricht sich rum und alle anderen werden ebenfalls ängstlich!
- Ein Mitarbeiter fand in seinem Spind eine Packung Gummibärchen, die ihm nicht gehörten. Er wollte ernsthaft die Polizei alarmieren und Fingerabdrücke nehmen lassen, um ganz sicher zu sein, dass sie ihm nicht untergeschoben werden können. Eine Verkäuferin hatte sie versehentlich bei hm statt bei ihr selbst reingelegt.
Dies sind nur einige Beispiele, die ich jedenfalls, nicht für normal, sondern in der Tat für paranoid halte. Insofern hat der Spiegel neben meinem Buch und den TV Sendungen zum Thema einen großen Beitrag zur Aufdeckung der Discounter-Machenschaften geleistet und vielen Betroffenen gezeigt, dass sie nicht alleine sind, dass sie eben keine Einzelfälle sind, sondern dass hier ein System vorherrscht. Nur Torsten Dewi, da haben Sie Recht, das immer 100% zu beweisen, ist kaum möglich. Die Aldi Gründer und deren Manager haben eine dezentrale Organisation und Führungsmechanismen geschaffen, die ebendies erschweren. Sie sind vielleicht menschenverachtend, aber nicht dumm.
Ihr Andreas Straub
http://www.andreasstraub.com (die letzte Schleichwerbung, versprochen!)