ZU WEICH FÜR DEN DISCOUNTER

Der gebürtige Rottenburger Andreas Straub prangert Aldi an

Mit seinem Enthüllungsbuch „Aldi – Einfach billig“ steht der ehemalige Aldi-Manager Andreas Straub derzeit auf Platz Acht der Spiegel Bestsellerliste. Der ehemalige Schulsprecher des Eugen-Bolz-Gymnasiums beschreibt darin, wie der Discounter mit seinen Mitarbeitern umgeht.

Rottenburg. Andreas Straub hatte sich bewusst bei Aldi beworben. Er hätte auch bei Daimler bleiben können, wo er ein Duales Studium der Betriebswirtschaftslehre absolvierte. Doch der Großkonzern kam ihm konservativ und schwerfällig vor. „Vor allem den Erfolg des Discounters, das Aldi-Prinzip zu erlernen, zog mich an“, sagte der 27-Jährige im TAGBLATT-Gespräch. Auch Gehalt, Dienstwagen und die klare Struktur bei dem Discounter hätten ihn beeindruckt. Er heuerte als Bereichsleiter bei Aldi Süd an.
Am zweiten Arbeitstag lernte er seinen Chef kennen. Der brachte ihm gleich bei, wie man beim Konzern „ein ernstes Gespräch“ führt. Da wurde ein Filialleiter, der 17 Jahre dabei war, über Stunden mit einer Liste von Vorwürfen konfrontiert, die der Chef zuvor „in Stasi-Manier“ bei den Mitarbeitern gesammelt hatte. „Es ging um Kleinigkeiten: hier ein paar Nektarinen zu viel weggeworfen, dort fünf Minuten zu spät gekommen“, schilderte Straub diese Situation.
Als der Mann nach Stunden „weich gekocht“ war, wurde der Hauptvorwurf verhandelt: Der Mann hatte ein Zelt bei Aldi gekauft und es zurück gegeben, weil ein Reißverschluss kaputt war. Was folgte, wird intern als „der kleine Bluff“ bezeichnet: Der Verkaufsleiter behauptete, laut einem Gutachten sei das Zelt nicht kaputt gewesen. Der Mitarbeiter hatte die Wahl zwischen fristloser Kündigung, ordentlicher Kündigung und Auflösungsvertrag.
„Der Mitarbeiter machte den Fehler, den Auflösungsvertrag zu unterschreiben, und hatte hinterher mit seinem Anwalt keine Chance mehr“, erzählte Straub. Das Gutachten gab es nicht. Der wahre Grund für den Rausschmiss waren die roten Zahlen der Filiale. „Danach musste der Stellvertreter mit weniger Gehalt die Arbeit des Filialleiters machen.“ Betriebsräte gebe es kaum bei Aldi Süd. „Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, werden Führungskräfte zu Betriebsräten gemacht.“
Straub behauptet, dass solche Methoden bei Aldi keine Einzelfälle, sondern Methode sind: „Mitarbeiter werden einzeln ausgehorcht, systematisch demontiert und gemobbt. Ihnen werden Diebstähle unterstellt und am Ende werden sie mit dem Arbeitszeugnis erpresst.“ Zweieinhalb Jahre spielte Straub das Spiel mit. „Für Abmahnungen hatte ich einen Abreißblock“, erzählte er.
Ein Aldi-Detektiv versteckte einmal im Monat Waren in seinem Einkaufswagen. Wenn die Kassiererinnen das nicht bemerkten, erhielten sie eine Abmahnung, schilderte Straub. Die Verkäuferinnen machten das mit, „weil sie bei Aldi etwas mehr verdienen als bei der Konkurrenz. 20 Prozent mehr Geld, 100 Prozent mehr Leistung“, sagte Straub. 12 Euro verdiene eine ungelernte Kassiererin in der Stunde. Neben dem Geld blende auch der Erfolg von Aldi. „Wir dachten, das sei normal“, hätten ihm viele ehemalige Aldi-Mitarbeiter gesagt.
Nach zweieinhalb Jahren habe er gemerkt, dass er dort nicht reinpasse, sagte Straub. „Wahrscheinlich war ich zu weich.“ Aldi warf ihm vor, versucht zu haben, einen Filialleiter zu Schlecker abzuwerben. Statt den Auflösungsvertrag zu unterschreiben ging Straub zu einem Rechtsanwalt und klagte auf Wiedereinstellung. „Das Gericht hat Kündigung ohne Grund festgestellt. Deshalb wurde es für Aldi etwas teurer“, sagte er.
Nach dem Prozess entschloss er sich, ein Buch zu schreiben. Über einen Freund lernte er den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff kennen. „Der war zunächst skeptisch, weil er nicht geglaubt hat, dass ein Manager schreiben kann. Aber nach den ersten Seiten ermutigte er mich, weiter zu machen.“
Als das Buch schließlich erschien, seien die Aldi-Mitarbeiter weniger überrascht gewesen als die Öffentlichkeit. Aldi selbst bestreitet die Mobbing-Fälle nicht, die von den Spiegel-Journalisten Janko Tietz und Susanne Amann überprüft wurden, spricht aber von Einzelfällen.
Die konkurrierenden Discounter hätten laut Straub das Aldi-Modell übernommen. Nur damit könnten die Preise so niedrig sein und die Gründer dennoch zu den reichsten Männern Deutschlands gehören. Er wisse von einem Prokuristen, der Filialleiter mit Joghurt bewarf und bei Feiern drohte: Sie schmeiß‘ ich auch noch raus. „Das“, sagte Straub, „war dann sogar Aldi zu krass. Der Mann ist jetzt bei Lidl – aber eine Gehaltsstufe höher.“

 Info: Andreas Straub: Aldi – Einfach billig. 335 Seiten, Rowohlt-Verlag, 8,99 Euro