Eine sehr gelungene und umfassende Rezension auf Lehrerbibliothek.de:
 
„Wen kostet billig?“ oder „Wem schaden Niedrigstpreise?“ unter diesen Fragestellungen ließe sich ein ganzes Fass aufmachen. Der ehemalige Aldi-Süd-Manager Andreas Straub betrachtet in seinem dokumentarischen Wirtschaftsroman die Auswirkungen der „Geiz-ist-geil“-Mentalität auf die Personalpolitik von Discountern.

Der junge Autor, der von 2007 bis 2011 bei Aldi Süd als Trainee und später als Bereichsleiter gearbeitet hat, beschreibt in seinem detailreichen Erfahrungsbericht – nach ein paar einführenden Worten – seinen Aufstieg und Fall innerhalb des Unternehmens fast durchgängig chronologisch. 

Er erläutert dabei also sowohl seine Hoffnungen und Vorstellungen bei Arbeitsantritt als auch den konkreten Ablauf seiner Karriere und seine jeweiligen Aufgaben und ergänzt das Ganze um zahlreiche konkrete Gesprächsprotokolle und Situationsbeschreibungen, die Erfahrungen von ihm und anderen Kolleginnen und Kollegen während dieser Zeit wiedergeben. Durch Die Verwendung wörtlicher Rede in den Gesprächsbeispielen liest sich das Buch flüssig und spannend wie ein Wirtschaftskrimi.

Als Bewerber lockten Straub neben teurem Dienstwagen und vergleichsweise hohem Gehalt die klaren Strukturen, das gute Preis-Leistungs-Verhältnis und die breite Kundenschicht (von arm bis wohlhabend) beim erfolgreichen Unternehmen Aldi anzuheuern. Der despektierliche Unterton im Titel des Buches „Aldi – einfach billig“ bezieht sich also weniger auf die asketische Gestaltung des Discounters und die Billigpreise an sich, sondern vielmehr auf den durch den Billigwahn geförderten Kostendruck auf die Personalpolitik. Straubs Kritik am Unternehmen fließt daher in erste Linie in die Verhaltensbeschreibungen zahlreicher Aldi-Führungskräfte ein. Abgesehen von wenigen Ausnahmen beschreibt Straub insbesondere die Filial- und Bereichsleiter als willkürlich und oftmals geradezu unverschämt im Umgang mit ihren Untergebenen. Anhand zahlreicher Beispiele belegt Straub dabei die Tendenz, langfristige Arbeitsverhältnisse und eine positives Betriebsklima zu unterbinden und die Mitarbeiter unter Druck zu setzen. 

Wird ein Mitarbeiter durch langjährige Betriebszugehörigkeit teurer oder unterstellt er sich nicht mehr flexibel und klaglos wie ein leicht-biegsames Puzzleteil der willkürlich agierenden Führungsmaschinerie, macht man kurzen Prozess mit ihm. Straub beschreibt eindrücklich, wie die Arbeit jeder Filiale und jedes Mitarbeiters durch die Führungskräfte (über-)kritisch beäugt und „Fehler“ in fast stasihafter Weise schriftlich festgehalten werden. Indem man einem Wackel-kandidaten dann die oftmals pingeligen Kleinigkeiten völlig aufgebauscht vor den Kopf stößt und – so belegt es Straub an zahlreichen Beispielen – mit Lügen und Unterstellungen würzt, lässt er sich in der Regel relativ schnell einschüchtern und akzeptiert eine Kündigung mit unzureichender Abfindung, um der zermürbenden Situation zu entfliehen. Manch „harter Hund“ wird zuvor zusätzlich mit übelstem Mobbing weichgekocht, in das die Führungskräfte gerne auch Kollegen und Kolleginnen miteinbinden. In großer Runde werden so z. B. die Wackelkandidaten verspottet und mit „niederen“ Aufgaben versehen. In einer solchen Atmosphäre mangelnder Kollegialität und willkürlicher Führung werden Mitarbeiter nicht selten krank und bangen beständig um ihren Arbeitsplatz. Damit sie nicht selbst auf die Abschussliste geraten, mucken sie nicht auf und schultern (oftmals sogar regelmäßig) unbezahlte Überstunden. 

Inzwischen hat es das vor wenigen Monaten erschienene Buch bereits in die Bestsellerlisten geschafft und Straub mit seinem Thema in so manche Talkshow. Günter Wallraff, einer der Größten unter den „Undercover-Ermittlern“, hat das dokumentarische Buch mit einem sehr aufschlussreichen Vorwort bereichert und damit Straubs wichtiges Anliegen, nämlich Missstände in der modernen Arbeitswelt und Auswüchse moderner Hire-und-Fire-Mentalität zu monieren, tatkräftig unterstützt. 

Ein Buch, das auch Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse im Gesellschafts- und Arbeitskundeunterricht brennend interessieren wird, denn es bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für ihre eigene Zukunft als Arbeitnehmer oder –geber. Es geht um Arbeit und Moral, Vertrauen und Kontrolle, Vor- und Nachteile von Betriebsräten, Arbeitsrechte, gesellschaftliche Tendenzen, Mobbing – und vor allem , darum auch bei den eigenen Arbeitgebern den kritischen Blick zu bewahren und Missstände mutig zu monieren, genau so wie es Straub uns hier mutig vorgelebt hat.

Simone Wenderoth

http://lbib.de/ALDI-einfach-billig-Ein-ehemaliger-Manager-packt-aus-74852