Ex-Aldi-Manager klagt an „Wer sich beschwert, fliegt raus“

Philipp Scheffbuch, 31.07.2012 11:20 Uhr

 

Stuttgart – Aldi ist das erfolgreichste und wohl auch verschwiegenste Unternehmen im deutschen Handel. Der Betriebswirt Andreas Straub hat vor fünf Jahren seinen Job bei Daimler aufgegeben, um bei Aldi anzuheuern. Der Konzern teilt sich in die weitgehend unabhängig voneinander agierenden Teile Aldi Süd (Straubs Arbeitgeber) und Aldi Nord auf.
Herr Straub, Sie haben für Daimler und für Aldi Süd gearbeitet, was haben die beiden Unternehmen gemeinsam?
Nicht besonders viel, abgesehen davon, dass beides große und erfolgreiche Konzerne sind.

Wo sind die Unterschiede?
Daimler ist in erster Linie aufgrund von Innovation und Marketing erfolgreich, Aldi hauptsächlich durch Kostendrückerei.

Aber Aldi hat ein ähnlich hohes Ansehen wie Daimler.
Da sehe ich schon gewaltige Unterschiede. Aber Sie haben recht: innerhalb des Einzelhandels besitzt Aldi tatsächlich ein verhältnismäßig gutes Image, wohl auch weil viel über Skandale bei anderen Ketten berichtet wurde. Dadurch hat der Kunde vielfach gedacht, dass es bei Aldi besser sein müsse.

Auch Sie haben das offenbar gedacht. Warum sind Sie von Daimler zu Aldi gegangen?
In meiner Unerfahrenheit habe ich gedacht, ich gehe zu einem gut strukturierten, schlanken Konzern mit hervorragenden Karriereaussichten. Gehalt und Dienstwagen haben mich zugegebenermaßen auch gelockt.

Wie viel mehr als bei Daimler haben Sie dort verdient?
Ich schätze 25 Prozent.

Bei gleicher Stundenzahl?
(lacht) Nein, bei Aldi habe ich sicher doppelt so lange gearbeitet, 70 bis 80 Stunden Arbeit die Woche waren normal. Aber darüber habe ich mich nie beschwert.

Warum gehen Sie mit Aldi so hart ins Gericht?
Ich beschreibe, was ich erlebt habe und nehme die Erfahrungen weiterer Informanten auf, die die Systematik meiner Eindrücke belegen.

Was sind Ihre Hauptvorwürfe?
Es herrscht ein Umgangston wie auf dem Kasernenhof, die geleisteten Arbeitsstunden werden nicht ordnungsgemäß erfasst und vergütet und immer öfter wird teureres Personal durch billigeres ersetzt.

Viele Kunden sind begeistert, dass die Kassierer so freundlich und schnell sind und die Läden so sauber sind.
Ja, das verstehe ich; ging mir genauso. Bei Aldi ist alles genauestens vorgegeben. Die Geschwindigkeit, die Grußformeln, das Erscheinungsbild, alles. Und das wird regelmäßig durch anonyme sogenannte Testkäufer überprüft, organisiert häufig von Detekteien. Auch wenn man es vielleicht nicht merkt, aber die Mitarbeiter stehen unter enormem Druck und leisten einiges.

Bisweilen wird behauptet, die Aldi-Süd-Mitarbeiter seien im Schnitt deutlich jünger als die der Wettbewerber. Stimmt das?
Das stimmt und ist gewollt. Ältere Mitarbeiter werden schließlich oft langsamer und sind häufiger krank. Deshalb versucht Aldi Mitarbeiter ab Mitte vierzig vorzeitig loszuwerden. Dass bei Aldi Süd jemand in Rente geht, ist eine absolute Rarität.


Wie wird man ältere Mitarbeiter los?
Wir haben oft Testkäufe eingesetzt. Das geht so: In einem Einkaufswagen eines beauftragen Kunden wird ein Artikel versteckt und nicht aufs Kassenband gelegt. Es wird also ein Fehler der Kassierer provoziert: wenn der Kassierer den versteckten Artikel nicht findet, bekommt er eine entsprechende Abmahnung. Bei der dritten Abmahnung trennt sich Aldi von der Person, schließlich hat man genügend „Beweise“ um notfalls vor Gericht zu bestehen. Die oft teilzeitbeschäftigten Mitarbeiter leisten übrigens regelmäßig Überstunden, auf die sie wegen ihrer niedrigen Grundeinstufung angewiesen sind. Und will man einen Mitarbeiter loswerden, wird hier vom Spielraum des Arbeitgebers Gebrauch gemacht.

Wie das?
Die Mitarbeiter werden immer weniger eingeteilt, so dass sie auf ihr niedriges Grundgehalt zurückfallen. Viele brauchen aber die zusätzlichen Stunden um ihre Miete bezahlen zu können. Die Mehrarbeiten sind aber nur mündlich versprochen worden. Viele kündigen dann von selbst. Für Aldi hat das den Vorteil, dass die Manager den Mitarbeiter nicht wie gewohnt rausekeln müssen. Im Buch schildere ich ja einige eklatante Fälle, wie so etwas abläuft. Nicht zuletzt habe ich es selbst erlebt. Aber wenn jemand ganz bequem selbst kündigt, kann das Aldi Management in Ruhe jemand Neues ins Rattenrennen schicken.

Werden bei Aldi auch Azubis beschäftigt?
Ja, in großem Stil. Intern werden sie mehr spöttisch als liebevoll „Auszubeutende“ genannt.

Warum?
Die lernen kassieren und Regale einräumen. Die Azubis werden eingesetzt für Dinge, die früher normale Verkäuferinnen erledigt haben.

Sie sagen, dass in Ihrer Zeit bei Aldi Süd auch viele von der Bundesagentur für Arbeit bezahlte Einstiegsqualifizierungs-Praktikanten beschäftigt wurden. Können Sie das konkretisieren?
Ja, bei Aldi war es gang und gäbe, dass Jugendliche ohne Ausbildungsstelle zum Regaleinräumen und Putzen eingesetzt werden. Die Kosten trug die Bundesagentur für Arbeit, weil die Arbeitsagenturen hofften, dass die Jugendlichen später bei Aldi einen Ausbildungsplatz bekommen. Es war aber von Anfang an klar, dass Aldi die schwer vermittelbaren Jugendlichen nur so lange bei sich haben wollte, solange sie keinen Cent gekostet haben, eine echte Chance auf einen Ausbildungsplatz hatten die wenigsten.

Das Unternehmen entgegnet auf Ihr Buch: „Aldi Süd arbeitet seit jeher auf der Basis von Führungs- und Organisationsgrundsätzen, die von Respekt und Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geprägt sind und hat seit vielen Jahren Werte und Regeln für ein faires und respektvolles Miteinander festgelegt.“
Ja, ich habe von diesen Grundsätzen gelesen. Erlebt habe ich etwas anderes. Die verschrifteten Unternehmensgrundsätze sind reine Luftblasen, die mit der Realität im Unternehmen wenig zu tun haben.

Darauf kann sich ein Mitarbeiter doch berufen und sich über Missstände beschweren.
Ja, das können Sie machen, wenn Sie bald ein ehemaliger Mitarbeiter sein wollen. Kritik ist bei Aldi nicht erwünscht. Ich habe die Erfahrung gemacht, wer sich beschwert, fliegt raus.

Gehen Betroffene nicht zum Betriebsrat?
Betriebsrat? Wir hatten keinen. Es gibt bei Aldi Süd flächendeckend meines Wissens nur einen einzigen Betriebsrat, und zwar in der Regionalgesellschaft Frankfurt. In den wurden jedoch seitens der Unternehmensleitung schnell genehme Filialleiter gebracht. Alle Bestrebungen, einen echten Betriebsrat zu gründen, wurden seitens der Unternehmensführung bisher verhindert.

Die Gewerkschaft spielt dort keine Rolle?
Nein, wirklich überhaupt keine! Es wundert mich, dass Verdi überhaupt keinen Fuß in die Tür von Aldi Süd bekommt. Man gewinnt bisweilen den Eindruck, dass die Gewerkschaft es auch gar nicht mehr versucht oder schon längst aufgegeben hat. Meines Erachtens wäre es gut, wenn Verdi sich stärker mit dem Unternehmen befassen würde.

Die Gewerkschaft hat früher einige wenige Anläufe unternommen.
Ja, aber die dezentralen Strukturen, die bei Aldi Süd vorherrschen, und die Angst und der Psychoterror im Unternehmen wiegen so schwer, dass Verdi mehrmals gescheitert ist. Jeder versucht nur, den Kopf einzuziehen und nicht selbst ins Visier der Bosse zu geraten. Solidarität müssen Sie da suchen.

Aber Aldi soll doch mehr bezahlen.
Das stimmt, gemessen am bezifferten Stundenlohn. Nur werden längst nicht alle geleisteten Stunden vergütet. Und damit sinkt der tatsächliche Stundenlohn auch wieder deutlich.

Unbezahlte Mehrarbeit ist seit langem ein Thema im Discount. Lidl hat in den Filialen die elektronische Zeiterfassung eingeführt, um den Vorwurf zu entkräften. Haben Sie eine Erklärung, warum Aldi die Arbeitszeit nach wie vor manuell erfassen lässt?
Ja, natürlich. Man will die Unklarheit bewusst haben. Im Zweifel wird die Arbeitszeit zu Gunsten des Unternehmens erfasst. Damit spart sich ein Großkonzern mit Zehntausenden von Mitarbeitern natürlich Unmengen an Geld.

Wer Ihr Buch liest, fragt sich, warum Sie jahrelang dort mitgearbeitet haben, wenn die Methoden doch so fragwürdig waren.
Ich war ein Teil dieses Systems. Anfangs habe ich zwar starke Zweifel bekommen und alles mit großen Augen bestaunt, aber man nimmt das dann als gegeben und als normal hin. Deshalb stellt Aldi nur Absolventen unter 30 in meiner Position ein. Tatsächlich wurde ich Teil des Systems. Wenn ich heute eines bereue, dann nur, dass ich nicht schon früher aufgehört habe.

Nochmals zum Verständnis: Sie waren selbst bei Kündigungsgesprächen dabei, in denen Verkäuferinnen laut angeschrien wurden. Und Sie sind dennoch geblieben.
Es ist rückblickend schwer zu begreifen, auch für mich. Die obersten Chefs haben uns immer eingetrichtert, Aldi wäre ja nicht so erfolgreich, wenn das alles falsch wäre.

Wollen Sie sich mit dem Buch revanchieren?
Zu Beginn meiner Arbeit war ich schon ein bisschen auf Rache aus. Aber das hielt nur ein paar Wochen. Inzwischen geht es mir darum, dass sich die Zustände ändern.

Welche Zustände sollen sich ändern?
Aldi Süd sollte endlich Betriebsräte ermöglichen und die geleistete Arbeitszeit der Mitarbeiter objektiv erfassen und den Umgangston verbessern.

Viele Kunden sagen: Missstände gibt es im Lebensmittelhandel überall.
Das stimmt, in der Branche ist es allgemein schwierig, auch wenn der Druck und das schon paranoide Misstrauen gegen Mitarbeiter bei Aldi nach wie vor als extrem gelten dürften.

Was sind die Reaktionen auf Ihr Buch?
Für viele Mitarbeiter war es erhellend, dass es keine individuellen Fälle sind, die sie erleben müssen, sondern dass ein fragwürdiges System dahintersteckt. Ich erhalte viele Zuschriften und eine unheimliche Wucht von bestätigenden Mails.