Am 11. Juli diesen Jahres hat sich die junge Frau zurechtgemacht. Sie nimmt eine aufrechte Haltung ein, spielt an ihrem Haar und sieht sich in dem kleinen Besprechungsraum ein wenig unsicher um. Sie muss eine gute Figur abgeben. Schließlich soll heute ein großer Tag werden, für sie. Sie trägt einen schicken Hosenanzug, ist dezent geschminkt und verbirgt ihre Anspannung unter einem tapfer-hübschen Lächeln. Vielleicht ist es das erste Mal für sie.

Ihr Begleiter hingegen, ein ernster Herr, wirkt routiniert. Sein dunkler Anzug ist nicht verstaubt, aber, wie er selbst, doch ein wenig in die Jahre gekommen. Er sieht die junge Frau an und wirkt teilnahmslos. Er spricht wenig. Wahrscheinlich hat er es schon etliche Male hinter sich. Er gibt ihr Sicherheit.

Was sich im Standesamt abspielen könnte, vollzieht sich in einem muffigen Hinterzimmer. Was nach einer Trauung aussieht, ist in Wahrheit eine Trennung. Was romantisch werden könnte, endet gänzlich unromantisch. In einer Aldi Filiale im Großraum Köln. Eine, wie sie überall sein könnte.

Ich war nicht dabei, aber ich kenne solche Situationen, war oft genug auf der einen, am Ende schließlich auf der anderen Seite. Dumm nur für Melanie K., dass sie nun auf der anderen Seite sitzt und sich die Minen der jungen Frau und ihres erfahrenen Begleiters verfinstern.

Melanie K. aus Kerpen ist Mitte dreißig. Sie ist seit knapp zwölf Jahren bei Aldi beschäftigt – erst als normale Verkäuferin, später ist sie ein bisschen aufgestiegen und erhielt die Befugnis, den Filialleiter zeitweilig zu vertreten. Da war sie stolz. Sie hat viel erlebt, viel erduldet und doch ist sie dabei geblieben. Sie ist eine treue Seele. Frau K. dachte, sie könne für immer bei Aldi bleiben. Schließlich war sie immer fleißig, immer schnell, selten krank und meistens mit Spaß bei der Arbeit.

Bis letztes Jahr die Probleme begannen: ein Bandscheibenvorfall.Sie war zwar immer noch fleißig, aber plötzlich nicht mehr ganz so schnell und mehrmals krank. Der Rücken machte ihr zu schaffen. Dennoch ging sie zur Arbeit. Das Klima in ihrer Filiale beschreibt sie als gut, ihre Kollegen und ihren Filialleiter als eingespieltes Team. Sie tat nach wie vor ihr Möglichstes.

Doch offensichtlich war das zu wenig. Zu wenig in der Welt des Hochleistungs-Discounters. Weil Köln aber in Deutschland ist und weil es in Deutschland Gesetzte gibt, die den Arbeitnehmer schützen, mussten andere als die gesundheitlichen Gründe gefunden werden. Davon ist Melanie K. überzeugt. Über einen längeren Zeitraum hinweg sei sie mit Hilfe der Kameras in ihrer Filiale beobachtet worden, sie fühlte sich schärfer kontrolliert und gegängelt. Und schließlich unterlief ihr folgenschwerer Lappsus.

Es war wie immer zu viel los, zu wenig Personal und so zahlte sie einer Kundin, an die sie sich nicht mehr genau erinnern kann, einer von hunderten an diesem Tag, die zwei Polsterauflagen, was auch immer das genau sein mag, zurückgeben wollte, den Betrag ohne größere Prüfung aus. Eine gängige Praxis, wie Frau K. sagt, zumal es sich lediglich um 25 Euro handelte. Sie hatte der Kundin vertraut.

Ein Fehler, denn scheinbar handelte es sich um eine Betrügerin. Bei einer Inventur wurde festgestellt, dass drei Polsterauflagen fehlten. Zwei davon, so viel steht fest, hat Melanie K. auf dem Gewissen.

Und so sitzt sie nun der jungen Frau, die sich zurechtgemacht hat und ihrem erfahrenen Begleiter, der sie berät, im Hinterzimmer der Aldi Filiale gegenüber. Sie weiß erst nicht, was das alles soll und ist überrascht von der Situation. Die Atmosphäre ist eisig. Und langsam dämmert der Aldi Verkäuferin, dass es hier um ihren Job geht.

Ob sie denn von sich aus alles zugeben wolle, wird König-Esser gefragt.

„Nein, was denn?“ antwortet sie.

Ihr wird vorgeworfen, sie habe die beiden Polsterauflagen gestohlen. Die Aldi Verkäuferin ist empört und bestreitet alles. Dass drei fehlen, können sich die Aldi-Manager erst nicht erklären, revidieren schließlich ihre Angaben auf zwei. Wie sie überhaupt viel ändern und revidieren, erinnert sich die Verkäuferin. Mehr als drei Stunden dauert das Tribunal.

Als Melanie K. den Diebstahl abstreitet, wird ihr vorgeworfen, das Geld aus der Kasse genommen zu haben. Sie kann es kaum fassen. Natürlich habe sie das nicht getan, versichert sie. Dann werden Videos vorgeführt. Sie zeigen, wie die Mitarbeiterin überwacht wurde. Ungeschickterweise beweisen sie aber den Diebstahl nicht. Laut K. zeigen die Szenen nur, wie sie ihrer normalen Arbeit nachgeht. Die Aldi Manager sind zusehends verzweifelt, müssen sich ständig beratschlagen und verlassen immer wieder für mehrere Minuten den Raum. Der Ratgeber in Aktion. König-Esser kann es kam glauben.

Sie solle einen Aufhebungsvertrag unterschreiben, schlagen die Aldi Leute vor. Man bietet ihr an, sie noch eine kurze Zeit weiter zu bezahlen, wenn sie sofort unterschreibe und alles zugebe.

Sie tut es nicht.

„Ich habe mir nichts vorzuwerfen“ versichert sie immer wieder.

Ihr Gegenüber hat nicht nur sich, sondern auch eine fristlose Kündigung zurechtgemacht. Die erhält Frau K.. Zu den Gründen wird in diesem Schriftstück keine Angaben gemacht. Ob sie sich ihren großen Tag so vorgestellt hat?

Arrogant und abschätzig sei sie verabschiedet worden, erinnert sich die Verkäuferin. Für sie bricht eine Welt zusammen. Von heute auf morgen arbeitslos. Sie fühlt sich schutzlos und ausgeliefert. Was soll aus ihr werden? Sie sagt: „Ohne meine Familie, wüsste ich nicht, was ich machen würde.“

Selbstverständlich habe ich Aldi mit den Vorwürfen konfrontiert. Dort gibt man sich gewohnt zugeknöpft. Mit Verweis aus den Datenschutz, den man sehr ernst nehme, möchte sich der Konzern zu dem Fall nicht äußern.

Ein Ende ohne Polster für Melanie K.. Dass sie zwei Polsterauflagen einmal in existenzielle Nöte bringen könnten, das hat sie nicht erwartet. Und so ist sie enttäuscht von ihrem Arbeitgeber. Dennoch will sie zurück an ihren Arbeitsplatz. Eine andere Stelle sei schwierig zu finden und vielleicht, so hofft sie, renke sie alles wieder ein.

Deshalb hat sie am 13.07.12 Wiedereinstellungsklage erhoben. Ende September werden sich die Aldi Verkäuferin und ihre Vorgesetzten vor dem Kölner Arbeitsgericht in einer öffentlichen Verhandlung wiedersehen.