Eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten im Detektivbuch, das am 1. November 2012 im rororo-Verlag erscheinen wird, ist diese hier: 



Blue Bull

«Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben», beginnt Günter Grass sein «Treffen in Telgte».
Geschenk von meiner Frau. Ich solle es mal lesen und darüber nachdenken. Grandioses Werk mit schwierigem Anfang, aber viel Wahrheit, sagt sie. Über die ersten Zeilen denke ich so lange nach, dass ich erst einmal nicht zum Weiterlesen komme.
Außerdem habe ich einen tierischen Brand, und mit meinem pochenden Schädel lasse ich mich noch tiefer als sonst in den gepolsterten Kamera-Gucker-Sessel der Billi-Filiale sinken.
Gestern war wieder Training im Schützenverein.
Gestern wird sein, was morgen gewesen ist … Ich stehe kurz vor der finalen Interpretation, als ein merkwürdiger Geruch in meine Schnüffelnase dringt. Es stinkt nach Fisch! Ich sehe mich um. Oha, denke ich, willkommen im Heute. Unbemerkt hat sich Frau Müller genähert. Die 400-Euro-Kühlwaren-Einsortier-Fachkraft hält zwei blaue Dosen hoch. Die habe sie gefunden, hinterm Regal bei den Kühltruhen. Sie sei das nicht gewesen. Eine Frechheit sei das. Ich solle mich mal darum kümmern, sagt sie und dampft ab. Geben mir jetzt schon die Aushilfen Anweisungen? Neugierig bin ich trotzdem. Ich begutachte das konservierte Bratheringsfilet und spule die Überwachungsbänder zurück. Meine Suche nach dem Übeltäter beginnt.
Minutenlang nichts, bis mir ein Kerl zwischen Kühltruhen und Kühlregal auffällt. Ich beneide ihn ein wenig, draußen ist es heiß, wir haben Hochsommer. In meinem Büro ist es noch heißer. In einer bequemen Jogginghose schiebt der Kunde seinen Einkaufswagen. Der Hitze Rechnung tragend, hat er seinen stattlichen Bauch gerade einmal in ein weißes Feinrippunterhemd gepresst. Dennoch wischt selbst dieser luftig gekleidete Herr sich den Schweiß von der hochroten Stirn und trocknet seine rechte Hand dann mit seinem Unterhemd. Wie praktisch. Seine runden Brillengläser sehen sich um. Er greift sich eine der Konserven, die in dieser Billi-Filiale aus Platzgründen auf einem Holzbrett über den Tiefkühltruhen feilgeboten werden. Tiefkühlüberbau nennen die Billi-Kreativen das, glaube ich. Eine große blaue Dose in der Hand, schiebt er seinen Einkaufswagen weiter. Das ist doch, ja, das ist es: das Bratheringsfilet!
Der Kunde stoppt. Routiniert zieht er den Deckel der Blechdose auf und führt die Öffnung an den Mund. Ich traue meinen Augen kaum: Der trinkt das Zeug! Gierig wird alles aufgesogen, bis auf einige Tropfen, die auf seinem Unterhemd landen. Mit zufriedener Miene nimmt der Mann die Dose vom Mund, atmet einmal tief durch und genehmigt sich dann erneut einen kräftigen Schluck. Jetzt geht er weiter, als sei nichts geschehen. Meine Müdigkeit ist einstweilen einer gewissen Anspannung gewichen. Aufrecht sitze ich im Sessel und verfolge den Weg des Feinripp-Mannes. Er biegt ab, bewegt sich einmal um die Kühltruhen herum – und zack fliegt die leere Dose hinter das Regal.
Erwischt!

Wenig später ein Comeback: Er dreht eine weitere Runde. Wieder greift er sich eine der Bratheringsdosen. Diesmal geht er noch ein paar Schritte weiter und stellt sich damit direkt vor die Überwachungskamera, die den Durstigen und sein fleckiges Feinrippunterhemd unbarmherzig festhält, als er die zweite Dose öffnet. Er blickt direkt in die Kamera, aber ohne sie bewusst zu registrieren und schlürft genüsslich den Saft des Bratheringsfilets. Hier und da verschüttet der Kunde wieder ein wenig und wie zuvor Nummer eins leert er auch Dose zwei, geht diesmal fröhlicher und zügiger um die Kühltruhen und pfeffert die Überreste energisch hinters Regal. Kurz darauf marschiert er durch die Kasse. Natürlich ohne zu bezahlen, aber sichtlich vitalisiert. 

Jetzt hat er die Power.
Die Überreste stehen vor mir auf dem Schreibtisch. Ihr sehr besonderer Geruch benebelt mein Gehirn und verleiht meinen Gedanken Flügel. Oder ist es der Kater? Ich gerate wieder ins Grübeln. Nicht mehr über Grass, sondern über den seltsam beschwingten Feinripp-Mann. Und dann habe ich die Idee: Dieses Bratheringsfilet, das wird ein neuer Energy Drink! Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf komme, aber ich nenne ihn: Blue Bull.
Das ist sie. Meine Chance, hier rauszukommen …