Vom kleinen Krämerladen zum Discountgiganten: Aldi wird heute 100 Jahre alt. "Das Unternehmen hat ein rigides Billigkonzept, für das am Ende auch andere zahlen", sagt der ehemalige Aldi-Manager Andreas Straub im heute.de-Interview. 

heute.de: Was hat das Aldi-Konzept so erfolgreich gemacht?

 Andreas Straub: Das Konzept beruht auf einem schmalen Grundsortiment, in dem man sich auf die Kernartikel fokussiert und diese besonders preiswert anbietet.

 heute.de: Wie schafft man das, diese niedrigen Preise zu machen?

 Straub: Wenig Verwaltung, straffe Organisation und natürlich, indem man die Lieferanten an die Kandare nimmt und die Personalkosten niedrig hält. Aldi ist hier im Branchenvergleich Spitze. Für das rigide Konzept müssen am Ende auch andere zahlen.

heute.de: Wer denn?

Straub: Lieferanten gehen pleite, Mitarbeiter werden ausgepresst und weggeworfen. Im Endeffekt zahlt auch die Gesamtgesellschaft, zum Beispiel dadurch, dass die Innenstädte veröden, denn die Märkte stehen oft auf der grünen Wiese, und wenn ältere Mitarbeiter freigesetzt werden und das Sozialwesen beanspruchen.

heute.de: Eine gängige Praxis, Ältere zu entlassen?

Straub: Ja, es wird niemand über 30 eingestellt und ältere Mitarbeiter werden nach meiner Erfahrung herausgedrängt. Manchmal werden sie rausgemobbt und sie gehen von alleine, oft gibt es Aufhebungsverträge, die unter enormem Druck unterschrieben werden. Dann kommen jüngere, billigere Mitarbeiter, die sich mehr engagieren, bis sie selbst wieder ausrangiert werden. Bei Aldi Süd ist es oft auch so, dass drei bis vier Azubis pro Filiale eingesetzt werden. Noch billiger sind Praktikanten, die durch die Arbeitsagentur oder Bildungsträger gefördert werden.

heute.de: Stichwort Lieferanten. Steht man da als Zulieferer gerne Schlange – und zu welchen Bedingungen?

Straub: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite möchten viele Zulieferer mit Aldi ins Geschäft kommen, weil sie sich sehr hohe Absatzmengen versprechen. Um aber ins Geschäft zu kommen, muss der Gesamtpreis extrem niedrig sein. Sie begeben sie häufig in eine Abhängigkeit, die für sie selbst nicht gut ist.

heute.de: Ist die Qualität der Waren eigentlich etwas, auf das bei Aldi großen Wert gelegt wird?

Straub: Ja, ich würde sagen, man legt Wert auf Qualität. Es gibt für die Produkte einen Kriterienkatalog, dessen Standards erfüllt sein müssen. Wenn das stimmt, geht es an die Preisverhandlungen mit dem Zulieferer.

heute.de: Ist Aldi Ihrer Einschätzung nach ein Sonderfall unter den Discountern, oder sind alle nach demselben Muster gestrickt?

Straub: Die sind alle ähnlich strukturiert und haben letztlich das Aldi-System übernommen. Lidl hat einiges verbessert, zum Beispiel Stechuhren eingeführt, Netto ist richtig übel. Vieles davon haben auch ehemalige Aldi-Manager mitgeprägt, die zu einem anderen Discounter gewechselt sind. Genau darum geht es bei meinem neuen E-Book "Die Billigmacher": Es enthüllt an konkreten Beispielen die Prinzipien, nach denen mittlerweile fast alle Discounter und viele andere Dienstleister arbeiten.

heute.de: Sie bekommen ja weiterhin regelmäßig Zuschriften von Aldi-Mitarbeitern. Hat sich seit Ihrer Buchveröffentlichung „Aldi – einfach billig“ etwas positiv im Unternehmen verändert?

Straub: Kurz nach der Veröffentlichung gab es eine große mediale Welle, und da schien sich ein Änderungsprozess anzudeuten. Aber mich erreichen mittlerweile wieder eine Menge Zuschriften über Missstände. Bei Aldi Nord ist es immer noch das Thema der nicht bezahlten Überstunden, bei Aldi Süd hauptsächlich Mobbing und sexuelle Belästigung. Bei Süd gibt es auch nach wie vor keine Betriebsräte, bei Nord sind sie zunehmend von der arbeitgebernahen AUB infiltriert. Zur Aldi-Ideologie gehört eben auch das Prinzip: lügen, vertuschen, weitermachen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.