Ausgerechnet in der Abteilung „Corporate Responsibility“, also Unternehmensverantwortung, arbeitete Maria Z. bis vor kurzem bei Aldi Süd in der Mülheimer Zentrale. Und ja, diese Abteilung gibt es wirklich. Mehrere räumlich zusammengruppierte Mitarbeiter beschäftigen sich dort tagtäglich mit hölzernen Arbeitspapieren und bunten Powerpoint-Folien. Von einem Team spricht Maria Z. nicht gerne. Obwohl ihr schon im Bewerbungsgespräch mitgeteilt wurde, dass Beförderungen nach oben nicht vorgesehen seien und sie nach wenigen Wochen dann auch merkte, dass sie „nicht weiterkommen“ werde, blieb sie mit Rücksicht auf den Lebenslauf zwei Jahre.

Aldi Süd heuert Maria Z. zufolge auch für die Mülheimer Zentrale bevorzugt Berufsanfänger direkt von den Schulen und Unis an. Die höheren Manager sind Hausgewächse, die sich ihre Sporen in den Filialen verdienen mussten und in der Regel kaum ein anderes Unternehmen von innen gesehen haben. Doch während in den uniformen Märkten im Personalbereich teilweise Wildwuchs herrscht, mag man es in der Zentrale ganz genau. Die sachbearbeitenden Mitarbeiter haben unbefristete Verträge und arbeiten von exakt 7.30 Uhr bis 16.15 Uhr, an einem Tag die Woche nur bis 13.15 Uhr. Überstunden sind strikt verboten, schon bei fünf Minuten müssen die Mitarbeiter mit ihren Vorgesetzten Rücksprache halten. Die Aufgaben sind ranghohen Insidern zufolge in der Regel inhaltlich anspruchslos strukturiert, es herrscht kaum Termindruck. Jeder Sinn für Verantwortung wird „denen da unten“ abgesprochen. „Zu Ihrem eigenen Schutz, damit Sie keine Fehler machen“, heißt es dann, nach dem Motto: „Mitarbeiter haben zu funktionieren und sonst nichts.“ Dennoch wundern sich die Geschäftsführer gelegentlich über „negative Stimmung“, obwohl doch „die Bezahlung gut und die Büroräume modern“ sind. 

Aldi ist ein konservatives Unternehmen. Das ist per se nichts Schlechtes. Allmählich wandelt es sich, passt sich dem Zeitgeist an. Doch was Maria Z. im Frühjahr 2013 schreibt, ist kein Skandal, zeugt aber von einer grotesken, sektenähnlichen Firmenkultur und einem langen, noch bevorstehenden Weg:

„Ich bin mir oft vorgekommen wie in einer Kleinstadt, in der alle außer mir die große Aldi-Spritze bekommen haben. Auf den unteren Rängen, nette Frauen, die ab und zu mal lachen, sich aber im Grunde wie Roboter verhalten. Die Chefs männlich, von sich selbst eingenommen und nicht gerade Spezialisten ihres Fachs. Sie haben meistens gelernt, Kassierer zusammenzuscheißen, aber nicht unbedingt, konzeptionell zu arbeiten.

Obwohl die Corporate Responsibility-Abteilung keinerlei Kundenkontakt hat, sind Jeans strikt verboten. Mehr als zwei Farben zu tragen, ist „nicht gewünscht“. Eine Kollegin von mir wurde darauf angesprochen, als sie einen roten Pulli und einen grünen Schaal trug. Ich hatte einmal rote Schnürsenkel in schwarzen Schuhen, das ging natürlich gar nicht. Auch Nagellack ist tabu. Außer in durchsichtig. Das Büro der Assistentinnen muss immer offen bleiben, da man davon ausgeht, dass die sich generell nicht benehmen können und immer zurechtgewiesen werden müssen. Auch ich bin mir ständig beobachtet vorgekommen. Einmal habe ich ein sogenanntes „Tür-zu“-Gespräch bekommen, weil ich anscheinend eine falsche Sitzhaltung am Arbeitsplatz hatte. Meine Vorgesetzte sagte: „Ihre Sitzhaltung entspricht nicht der aldi-üblichen Betriebsamkeit“.

Die Assistenten müssen nicht nur im Büro Talente haben, sondern auch in der Küche was leisten können. Für einige interne Meetings sind sie nämlich auch für das Essen (machen) zuständig. In der Zeit einer Urlaubsvertretung hatte ich selbst so ein Meeting vorzubereiten. Ich vergaß den Nachtisch: Aldi Süd Joghurt. Als der Geschäftsführer nachfragte, ob es Nachtisch gäbe und ich verneinen musste, starrten mich ungläubige Augen an. Ich dachte, jetzt schmeißen sie mich raus. Das passierte nicht, aber der Fall ging als „Jogate-Affaire“ in die Geschichte ein.

Mit Kollegen zu sprechen, ist „nicht gewünscht“. Deshalb habe ich mit einer Kollegin, wir verstanden uns auch privat gut, eMails hin und her geschickt. Sie kündigte kurz vor mir löschte vorher aber noch die meisten Mails, bis auf ein paar wenige, die sie vergessen hatte. Am Tag nach ihrer Kündigung durchforstete eine Managerin ab 7.30 Uhr früh sofort die gesamten eMails und ich musste um 9.30 Uhr zu einem „Tür-zu“-Gespräch. Zum Glück war nur noch eine eMail von mir da, in der es um ein Wärmekissen ging, das von meiner Chefin als „störend“ moniert worden war. Dafür durfte ich mich dann eine Stunde lang rechtfertigen.

Das Highlight: bei Aldi trinken alle aus den gleichen Tassen. Da ich diese unnütze Regel übergehen wollte, brachte ich, zugegeben provokant, eine Tasse mit dem Aufdruck „Queen of fucking everything“ mit. Natürlich fiel das gute Stück auf und ich wurde darauf in einem berühmten „Tür-zu“-Gespräch von einer Managerin hingewiesen. Mein Vorschlag, eine Tasse mit Weihnachtsaufdruck, wahlweise Tannenbäume oder Nikoläuse, zu benutzen, konnte nicht sofort beantwortet werden. Das musste erst auf Geschäftsleitungsebene entschieden werden. Ich bekam den Sonderwunsch dann aber genehmigt.“

Einige Monate nach ihrem Abgang bewarb sich Maria Z. erneut in der Aldi-Zentrale, diesmal für eine höhere Managementposition. Sie hatte ihre Erlebnisse verarbeitet und logische Schlussfolgerungen gezogen. Mit neuem Mut startete sie einen neuen Anlauf – oder war es doch nur Rache für den zwangsweisen Umstieg von der „Queen of fucking everything“- auf die Weihnachtsmann-Tasse? 

Unter dem Pseudonym „Sue Penngrün“, wohnhaft in der Stasi Straße 123 in 38412 Brechen, bemühte sich Maria Z. initiativ um eine Stelle, da sie „seit einiger Zeit die Entwicklungen in Richtung Unternehmensverantwortung bei Aldi Süd“ beobachte ...


Wie sie ihre Stärken preist und warum sie am Ende "mit freundlichen Grüßen aus Brechen" verblieb, lesen Sie in "Die Billig-Macher".