Faktencheck zu "Hart aber fair"Wird Deutschland zur Billig-Republik?

Hier bin ich Pfennigfuchser, hier darf ich’s sein: Aldi und Co. versprechen Tiefstpreise – mit Erfolg und zu Freude der Verbraucher. Aber wer zahlt am Ende für unsere kollektive Schnäppchenjagd? Der Faktencheck zur Sendung vom 08. Juli 2013.

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und prüft einige Aussagen und Behauptungen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.

Thomas Roeb über das Gehalt bei Aldi

Thomas Roeb meint, dass Aldi-Beschäftigte zwischen 50 und 70 Prozent über dem Tariflohn bezahlt werden.

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Thomas Roeb (re.) mit Christian Huff


"Das ist völlig unrealistisch", sagt Horst Margner, Gewerkschaftssekretär beiver.di. Je nach Tarifvertrag und Bundesland verdiene eine ausgelernte Kassiererin zwischen 12 und 13 Euro pro Stunde. "Zwar gibt es unter Umständen Mitarbeiter, die durch einen Gehalts-Aufschlag über dem Tariflohn liegen", so Margner. Oft aber seien in diesen Zuschlägen bereits sämtliche Arbeitsstunden eingerechnet – also auch die Überstunden. Darüber hinaus versuche Aldi die Kosten zu drücken, indem keine gelernten Kassiererinnen mehr eingestellt werden, sondern Auffüllkräfte, die dann unter Umständen nur 8,50 Euro verdienen, kritisiert der Gewerkschafter.

Andreas Straub über Handelskonzerne und Marktanteile

Andreas Straub sagt, 90 Prozent des Lebensmittelmarktes werden von den fünf größten Lebensmittelkonzernen in Deutschland beherrscht.

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Andreas Straub (re.) mit Bärbel Schäfer und Thomas Roeb


Zu dieser Erkenntnis kommt auch die Initiative "Supermarktmacht" – ein Zusammenschluss von über 20 Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften. Demnach teilen sich die fünf großen Handelsketten Edeka, Aldi, Rewe, Lidl und Metro tatsächlich 90 Prozent des Marktes unter sich auf. Laut der Initiative waren es 1999 noch acht Handelskonzerne, die sich 70 Prozent des Lebensmittelmarktes aufteilten. Alleine die Discounter beherrschen 45 Prozent des gesamten Lebensmitteleinzelhandels.

Peter Becker über Singlehaushalte in Hamburg

Peter Becker meint, 60 Prozent der Haushalte in Hamburg sind Singlehaushalte.

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Peter Becker mit Kirsten Brodde


Nicht ganz. Zwar stimmt seine Aussage in der Tendenz, dennoch sind von den insgesamt 985.000 Haushalten "nur" 53.6 Prozent Singlehaushalte. Von den rund 1,8 Millionen Einwohnern machen die Einpersonenhaushalte nach Angaben des Statistikamtes für Hamburg und Schleswig-Holstein 29,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Durchschnittlich leben in einem Hamburger Haushalt 1,8 Personen.

Thoma Roeb über fairtrade-Bananen

Thomas Roeb ist sicher, dass nur ein kleiner Teil der höheren Preise von fair gehandelten Bananen direkt an die Bauern und Arbeiter in den Anbaugebieten geht.

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Thomas Roeb (2.v.li.) am "Hart aber fair"-Panel


Das ist plausibel. Nach Angaben von fairtrade erhalten beispielsweise Bananenbauern in der Dominikanischen Republik, die mit fairtrade zusammenarbeiten, pro Kiste einen US-Dollar mehr. Im Vergleich zum Preis, der hierzulande für eine Kiste Bananen gezahlt werden muss, scheint dies vergleichsweise wenig. Allerdings ist dieser US-Dollar für einen Bananenbauern und die Arbeiter in Lateinamerika wesentlich mehr wert als für den Verbraucher in Europa. Darüber hinaus werden fairhandels-Prämien in soziale Projekte investiert. Bauern, die am fairen Handel teilnehmen wollen, müssen bestimmte Standards bei Mindestlöhnen und im Umweltschutz erfüllen. Im Gegenzug garantiert fairtrade ihnen Preise über dem Weltmarktniveau sowie Prämien.