Azubis in Aldi-Zentrallager „festgebunden und angeschwärzt“

Discounter bestätigt Vorwürfe und zieht Konsequenzen

Frankfurt, 20. September. Der einstige Aldi-Bereichsleiter Andreas Straub hat sich nach seiner Kündigung 2011 auf die Fahnen geschrieben, das „System Aldi“ zu enthüllen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er sein erstes Buch „Aldi – einfach billig“. Es erreichte schon deshalb viel Aufmerksamkeit, weil der Discounter als eines der verschlossensten Unternehmen der Republik gilt. Nun legt der 29 Jahre alte frühere Manager nach. Im Oktober erscheint der Band „Inside Aldi“, mit „neuen Fallbeispielen und Geschichten“. In einem Kapitel, das dieser Zeitung vorliegt, schildert Straub unter der Überschrift „Festgebunden und angeschwärzt“, „was Auszubildende in einem Aldi-Zentrallager erdulden mussten“. Der Mülheimer Discounter selbst äußerte sich auf Anfrage „entsetzt“ und bestätigte die Vorwürfe im Kern.

Im Zentrum steht das Warenlager Mahlberg bei Freiburg. Einst dort tätige Azubis erzählten Straub von unglaublichen Verhältnissen. Der heute 20 Jahre alte Patrick H. aus Lahr im Schwarzwald berichtete von einem schikanösen Ritual, das an schlagende Studentenverbindungen erinnert. Demnach haben ihn Kollegen im Juni 2012 mit Verpackungsfolie an einen Pfeiler festgebunden, „dass ich kaum mehr atmen konnte“. Der stellvertretende Bereichsleiter Thomas K. habe dann sein Gesicht mit einem wasserfesten Edding-Stift bemalt. Zur Begründung hieß es, er sei zu frech gewesen. Später sei ihm angedroht worden, ihn in das minus 20 Grad kalte Tiefkühlabteil zu sperren.

Es scheint kein Einzelfall zu sein: Weitere Azubis berichten von ähnlichen Vorfällen in Mahlberg. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte Straub, zunächst selbst Zweifel gehabt zu haben, ob es sich nicht nur um einen Jungenstreich handele. Es soll aber Fotos und Videos der Aktion geben, die sogar auf Facebook gepostet worden seien. Straub, der 2012 die Arbeitsbedingungen im Unternehmen scharf kritisierte, sieht sich nun bestätigt. „Das System Aldi basiert auf der Angst der Mitarbeiter, es ist anfällig für solche Geschichten.“

Die Unternehmensgruppe Aldi Süd reagierte am Freitagabend per Mail: „Zu unserer Bestürzung hat sich durch interne Recherchen gezeigt, dass das beschriebene Geschehen in seiner Kernaussage der Wahrheit entspricht. Wir bedauern diesen Vorfall im Logistikzentrum Mahlberg, der sich nach unseren Recherchen zum Jahreswechsel 2012/2013 zugetragen hat, zutiefst und sind äußerst betroffen.“ Man habe das Geschehen weiter aufgeklärt. Sowohl die leitenden Verantwortlichen als auch die aktiv an der Tat beteiligten Mitarbeiter seien „bereits zur Rechenschaft gezogen worden“. 

aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Ausgabe vom Samstag, den 21. September 2013