Mobbing ist bei Aldi verbreitet. Wer gehen soll, wird oft schikaniert. Manager des Discounters versuchen so, geltendes Arbeitsrecht zu beugen und den Mitarbeiter von selbst zum Gehen zu bewegen oder aber einen für das Unternehmen kostengünstigeren Aufhebungsvertrag abzuschließen. Ungünstigere Arbeitszeiten, Versetzungen, konstruierte Kritikpunkte und inflationäre Abmahnungen, um nur einige Punkte zu nennen, sind gängig.

Ich könnte zahllose Fälle und Beispiele aufschreiben, sie würden sich im Grunde alle ähneln. Fast in allen Trennungsprozessen, die ich seither verfolge und selbst erlebt habe, spielen solche Methoden im Vorfeld eine Rolle. Der Mitarbeiter soll mürbe gemacht und weichgekocht werden. Die Kreativität der Billig-Manager, die ansonsten gern nach "Schema F" arbeiten, kennt da manchmal keine Grenzen.

Franziska B., zum Beispiel, wurde mit erfundenen Vorhaltungen und üblen Gerüchten terrorisiert. Nach zwei Jahren Ausbildung bei Nordsee absolvierte sie ihr drittes Lehrjahr bei Aldi Süd und wurde anschließend befristet für ein Jahr übernommen. Als sie sich für eine junge Kollegin einsetzte, die wiederholt von Führungskräften im Laden angeschrien wurde, geriet sie selbst ins Visier. "Es musste ein neuer Sündenbock her, an dem der Druck abgelassen werden konnte", sagt die Verkäuferin.

Seither wurden bei ihr Fehler gesucht und penibel notiert.

Die Protokolle liegen mir vor. Mal soll sie ein Preisschild falsch aufgehängt, mal sich in einem Kleinbeleg vertippt haben und mal zu kulant zu Kunden gewesen sein. Immer wieder wurde sie zu Gesprächen ins Büro zitiert. Anfänglich wehrte sie sich noch, irgendwann resignierte sie. Ihre lokale Vorgesetzte streute das Gerücht, Frau B. sei magersüchtig, gar an Bulimie erkrankt, und die junge Frau habe einen Waschzwang. Es sei nicht normal, wie oft sie sich nach der Arbeit an der Kasse die Hände wasche.

Die Filialleiterin soll demonstrativ nach B.s Pausen die Mülleimer daraufhin kontrolliert haben, ob sie etwas von ihrem Essen weggeworfen hatte. Auch wie lange sie auf der Toilette war, wurde kontrolliert: "Zum Kotzen?"! Die Filialleiterin, erzählt Frau B., habe sich vor die Tür gestellt und ihr hinterher vorgeworfen, das Wasser sei zu lange gelaufen.

"Geh mal zum Psychiater", soll die Marktleiterin mit Rückendeckung von oben gesagt haben.

"Ich bin schon immer so dünn", entgegnete B. "Dann sind Sie ja schon immer so krank im Kopf." Dabei habe sie bei Aldi sogar noch zwei Kilo zugenommen, sagt Frau B.

Schließlich wollte die Bereichsleiterin mit Franziska B. "eine gemeinsame Lösung" finden. Bei Aldi heißt das bekanntermaßen: Auflösung. Aber Frau B. unterschrieb nicht.

Es seien Gerüchte im Umlauf über ihre Magersucht, behauptete die Bereichsleiterin. Ihr Verhalten sei "unzumutbar", B. zeige keine "Dankbarkeit". Man werde Mittel und Wege finden, den Vertrag zu beenden, soll die Bereichsleiterin noch gedroht haben, was aber nicht gelang. Franziska B.s Vertrag lief im Juni 2012 einfach aus.

Heute arbeitet sie in einem Autohaus und sagt: "Zum Glück bin ich draußen, raus aus diesem Höllenloch." Aldi räumte die Vorwürfe von Franziska B. auf Anfragen des ZDF sogar ein, erklärte aber, man habe sie bislang nicht gekannt.

Ein weitaus perfideres Beispiel aus der Region Stuttgart: "Ich hatte mich nach einem neuen Arbeitgeber umgesehen, und dies ist bei Aldi unter Strafe gestellt. Ich sollte gehen, am besten von alleine. Um mich noch mehr psychisch unter Druck zu setzen, musste ich in Zivilkleidung Rattengift kaufen und dies im Bereich Container / Warenanlieferung verteilen. Unter den belustigten Augen des Filialleiters, der wusste, dass ich eine Rattenphobie habe. Und dort gab es Ratten.

Die ‹braven› Mitarbeiterinnen mussten dann, wenn wieder Ratten gesichtet wurden, nie Kartonagen oder Abfälle entsorgen gehen, denn da gab es ja Ratten. Kammerjäger wurden nie gerufen, der ‹gute› Ruf von Aldi ... " Ratten bei Aldi? In allen Betrieben, die mit Lebensmitteln arbeiten, kann es hin und wieder zu Schwierigkeiten mit ungebetenen Gästen kommen. Wie mir allerdings mehrere Mitarbeiter und ein Lokaljournalist übereinstimmend berichten, gab es offenbar in der Region Stuttgart über einen längeren Zeitraum hinweg ein massives Rattenproblem, das von Aldi vertuscht wurde.

Ein Mitarbeiter erinnert sich: "Die ganze Rattenproblematik dauerte etwa 6 bis 12 Monate, überwiegend im Jahr 2008 (...) an, aber soweit ich weiß, wurde das nie öffentlich bekannt. Die Ratten wurden bei uns meistens mit dem Toilettenpapier und mit den Kartoffelprodukten, vor allem mit den Chips, ausgeliefert. Sie wurden aus dem Zentrallager lebendig in die Filialen geschickt. Dort vermehrten sie sich und breiteten sich aus. Einige Kunden sprachen uns darauf an, aber wir stritten natürlich alles ab. Wir hatten häufig das Problem, dass sie nachts die Bewegungsmelder auslösten. Ein Mitarbeiter musste dann in die Filiale fahren, zusammen mit der Polizei reingehen und meistens den Alarm wieder zurücksetzen, weil ihn ja nur die Tierchen ausgelöst hatten.

Ein Bild werde ich nie vergessen: Als der Kammerjäger bei uns in der Filiale war und sein Rattengift, einen Blutverdünner, verteilt hatte, fand ich nach ein paar Stunden etliche Ratten um die Papierpresse herum verteilt. Alle tot. Ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, vielleicht 50. Ein Horror!"

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Inside Aldi & Co.
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rororo
144 Seiten
ISBN 978-3-499-63056-9


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